Nachzucht des Tangfeilenfisch
Acreichthys tomentosus

Vorbemerkung des IFMN-Teams:

 

Der Tang-Feilenfisch Acreichthys tomentosus ,auch Seegrasfeilenfisch genannt, wird häufig als Problemlöser bei Glasrosenplagen empfohlen und eingesetzt. Aber wie so oft gilt: Die Geschmäcker sind verschieden und beileibe nicht jedes Exemplar geht an Aiptasien. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tangfeilenfisch sich dagegen für Weichkorallen, SPS und LPS, Röhrenwürmer, Muscheln und Schnecken interessiert, ist mindestens genau so groß! Dennoch ist es ein liebenswerter Fisch, der mit seiner Fähigkeit zum Farbwechsel und seinem charakteristischen Verhalten mehr Aufmerksamkeit um seiner selbst verdient hat und nicht nur als Problemlöser.

Im Februar 2012 veröffentlichten die Autoren Gerd Guddat von der Korallenfarm-Witten und der Züchter Achim Kahlert auf Korallenriff.de einen Bericht über die Nachzucht des Tangfeilenfisches. Nicht nur die gelungene Aufzucht der Fische in größerer Zahl ist bemerkenswert, sondern auch die nachahmenswerte Methode des „Job Sharing“, die dabei praktiziert wurde: Der in der Korallenfarm „anfallende“ Laich wird von Achim Kahlert in Obhut genommen und er zieht die geschlüpften Tiere auf. Wir finden, dass das ein sehr gutes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit in der Nachzucht ist!

Um zu verhindern, dass die schöne Dokumentation einer gelungenen Zucht im Laufe der Zeit in den Tiefen des Web verschwindet, haben wir uns bemüht, sie auch für die IFMN zu erhalten. Mit freundlicher Genehmigung der Autoren Gerd Guddat und Achim Kahlert sowie von Robert Baur dürfen wir ihn auch hier in etwas überarbeiteter Form dauerhaft zur Verfügung stellen:

Die Zucht des Tangfeilenfisches
- eine Zusammenfassung von Gerd Guddat -

Bei Pflegearbeiten in unserem großen Z-Becken (4500L) der Korallenfarm-Witten machte unser Pfleger Florian eine interessante Entdeckung: In diesem Becken befinden sich zwei Acreichthys tomentosus (Seegras- oder Tangfeilenfische). Wir wussten, dass es sich dabei eventuell um ein Pärchen handelt, hatten aber nie eine direkte Bestätigung. Jetzt haben wir sie zweifelsohne!

Weibchen A.tomentosus 3269 Männchen A.tomentosus 3209

Florian entdecke ein seltsames Verhalten des Weibchens. Dieses hing mit gesenktem Kopf über einer kleinen Kuhle im Sand und ging dort auch nicht weg. Also schauten wir uns das alle an. Schließlich kamen wir zu dem Schluss, dass es sich um ein Gelege handeln muss und in der Tat - es war ein Gelege!

Die Eier waren im Sand sehr, sehr schwer zu erkennen. Es schien uns, als hätten sie die Farbe der Umgebung angenommen, so wie sich auch die Eltern oft ihrer Umgebung anpassen, um sich zu tarnen. Eine weitere Bestätigung, dass es sich um ein Gelege handeln muss, war, dass sich kein anderer Fisch mehr in die Nähe trauen durfte. Sogar ein Acanthurus sohal, der nicht gerade klein und zartbesaitet ist, bekam etwas auf die Mütze wenn er nur in die Nähe des Geleges kam.

Mein erster Gedanke war: „Ich muss unseren Züchter Achim Kahlert anrufen!“ Unser „Hypermegaspezialzüchter“ mit langjähriger Erfahrung war sofort Feuer und Flamme und kam unverzüglich in die Korallenfarm, um das Gelege zu begutachten und abzuholen. Achim traf ein, guckte und sagte: „Pack ein!“

Es wurde ein 20-Liter-Eimer komplett mit Wasser aus der Anlage gefüllt um möglichst viel Wasser aus dem Becken, in dem sich das Gelege befand, mitzunehmen. In diesem Wasser sollte das Gelege bei Achim auch schlüpfen. Dann wurde das Gelege entnommen. Ich verwendete hierzu eine kleine breite Plastikschippe und nahm das Gelege sozusagen auf die Schippe! Das Gelege wurde vorsichtig in den Eimer verfrachtet und verblieb auch dort, so wie ich es dem Becken entnommen hatte. Der neugierige Acanthurus sohal bekam wieder etwas auf die Mütze - aber nicht nur der! Auch meine Hand wurde schwer attackiert! Unglaublich, wie aggressiv so ein Fisch werden kann, wenn er ein Gelege verteidigt!

Am darauf folgenden Tag klingelte das Telefon. Achim teilte uns mit, dass die Jungen auf der Fahrt nach Hause schon im Eimer geschlüpft waren. Er meinte, dass es sich dabei um einige Hundert handeln würde. Gefüttert wurden sie sofort mit frischem lebendem Zooplankton, sie standen praktisch im Futter. Das Wasser wurde ca. fünf Mal täglich zur Hälfte gewechselt, jeweils mit Wasser aus Achims 2-Meter-Becken.

Das Ergebnis aus diesem Geleges sind 36 kleine Feilenfische die sich bester Gesundheit erfreuen! Es wurden „nur“ 36, aber ein Züchter dabei auch um viele Erfahrungen reicher.

Hier folgen nun einige Fotos der kleinen Tangfeilenfische:
Tangfeilenfisch Tangfeilenfisch Tangfeilenfisch

Acreichthys tomentosus Acreichthys tomentosus Acreichthys tomentosus

Tangfeilenfisch Tangfeilenfisch Tangfeilenfisch

Kurze Zeit später hatten wir dann ein zweites Gelege. Von diesem leben zurzeit noch wesentlich mehr Jungfische (ca. 150 Stück)! Achim lernt bei jedem Gelege dazu, so dass man auf eine gute Ausbeute hoffen kann! Damit wäre es ja auch möglich, dass in der Zukunft auf einige Wildfänge verzichtet werden könnte. Dies bedarf aber natürlich auch einer großen Verbreitung solcher Informationen über die gelungene Zucht. Wie das genau mit der erfolgreichen Nachzucht funktioniert werde ich nicht erwähnen, das soll der Achim selber machen.

Hier noch ein paar Bilder der schon größeren Nachzuchten:
Acreichthys tomentosus Acreichthys tomentosus Acreichthys tomentosus

Tang-Pfeilenfisch Tang-Pfeilenfisch Tang-Pfeilenfisch

Acreichthys tomentosus Acreichthys tomentosus Acreichthys tomentosus



Lasst mich noch ein paar Zeilen über Achim Kahlert schreiben:

Zuchtanlage im Gäste WCAchim ist ein „Verrückter“, kommt aus Gevelsberg, ist im besten Alter von Mitte 50 und langjähriger Meerwasseraquarianer. Er ist mit ganzen Herzen bei der Sache und verbringt Stunden vor seinem Becken und mit seinen Nachzuchten. Alleine schon die Pflege und die Zucht von Phyto –und Zooplankton, Salinenkrebse und und und….

Er nimmt „jedes“ Gelege, das er bekommen kann und versucht sich daran. Alles was nicht bei drei im Ablaufschacht verschwunden ist, landet in Achims Aufzuchtbecken :-) Achim sitzt abends vor seinem großen Becken und achtet darauf was gerade ablaicht. Mit ganz feinen Netzen fängt er z.B. Eier der gerade ablaichenden Pseudanthias squamipinnis oder auch vom Centropyge loricula. Auch Larven verschiedener Einsiedlerkrebse konnte er schon abfischen.

Leider kann noch nicht alles nachgezogen werden. Aber wir brauchen solche Leute wie Achim Kahlert, die es immer wieder versuchen und nicht aufgeben! Erfolgreich zieht Achim bereits diverse Garnelen, Pseudochromis fridmani , Amphiprion ocellaris, Pterapogon kauderni und vieles mehr.

Hier folgen noch einige Videos, wobei der mit dem 3 Tage alten Jungfisch, ganz klar hervorzuheben ist. Einfach nur toll.

 


Der Züchter Achim Kahlert fügt hinzu:

Die Zucht vom Feilenfisch A. tomentosus ist sehr anstrengend. Die Larven sollen immer im Futter stehen und das ist eine Herausforderung für den Züchter, der damit auch richtig "mehr Arbeit" mit der Beschaffung des Futters und der Wasserqualität hat. Denn nur eine satte Larve ist eine gesunde Larve. Ohne genügend Futter (Brachionus und Phytoplankton) sollte man sich die Mühe nicht machen.
Ein gutes Gelege besteht aus mehreren hundert Eiern. Die Zahl der Larven nimmt in den ersten Tagen stark ab. Nach meiner Beobachtung wollen sie sofort im Futter stehen und fressen, so viel wie vorne hinein und gleich am anderen Ende wieder hinausgeht - und das rund um die Uhr!

Man hat ja nicht den ganzen Tag Zeit und muss schon morgens den Wecker eine Stunde früher stellen. Das Zuchtpaar schwimmt in der Korallenfarm-Witten. Danke Joe, Petra und Gerd, die mir noch ein wenig Arbeit mehr machen. Die erledige ich aber sehr gerne, auch wenn es mit sehr viel Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden ist.
Egal welches Gelege in der Korallenfarm auftaucht, das Team ruft mich an und ich versuche mich daran. Alle Fische können nachgezogen werden - das ist meine Meinung und mein Motto: "Ich stelle mich der Herausforderung!" Wir müssen nur herausfinden, wie es geht….

Salzige Grüße Achim


Gerd Guddat (Korallenfarm-Witten) im Februar 2012

Bilder/Videos unterliegen dem Copyright von Achim Kahlert (c) 2011/2012

 

Nachtrag des IFMN-Teams:
Soweit der erfrischende Bericht, für den wir uns bei allen Beteiligten recht herzlich bedanken! Wer nun detailliertere Informationen über Achims Aufzuchtmethode sucht, wird im Nachzuchtenregister fündig! Ausdrücklich anschließen wollen wir uns der Feststellung von Gerd, dass wachsende Nachzuchterfolge eine großen Verbreitung solcher Informationen über gelungene Aufzuchten erfordern! Exakt das ist unser Ziel!

Uns hat der Bericht neugierig gemacht und Frank durfte Achim Kahlert besuchen. Ein lohnenswerter Besuch, nicht nur für ihn ;-), sondern auch für die IFMN und alle, die einen Blick in die Arbeit eines engagierten Züchters werfen wollen . Näheres dazu unter „Zu Besuch bei Züchter Achim Kahlert“und bei uns im Forum.

   
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