Tipps zur Haltung und Zucht (überarbeitete Fassung vom 12.07.2012)

Einleitung:
Viele Züchter und Wissenschaftler sehen in Copepoden und insbesondere ihren Nauplien einen wesentlichen Schlüssel zum Erfolg bei der Haltung und Aufzucht mariner Tiere. Die Suche nach Arten, die einfach zu vermehren und zu beschaffen sind, ist daher ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung der Haltung und Nachzucht von Meerestieren. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan und es werden verschiedene Copepoden-Arten regelmäßig im Handel angeboten.

 

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Vor einigen Jahren war das noch anders. Deshalb griff ich sofort zu, als mir das IFMN-Mitglied Rainer Schindwolf (RS Aquaristik) einen Ansatz von Tigriopus californicus aus den USA anbot. Bei diesen, in den USA umgangssprachlich als „Tiggerpods" bekannten Tieren handelt es sich um Copepoden (Gruppe Harpacticoida), die von Alaska bis Kalifornien vorkommen. Sie sollen Körperlängen bis zu 2,5 mm erreichen können; meine Tiere liegen aber überwiegend zwischen 1 und 2 mm. Wegen dieser Größe sind auch erwachsene Tiere ein gutes Futter für größere Jungfische oder etwa Mandarinfische und Seenadeln.

Im Mai 2007 berichtete ich dann erstmals hier über die Zucht der Tiggerpods. Mittlerweile haben sich die Erkenntnisse natürlich verdichtet und es liegen mehr Erfahrungen vor. Im Folgenden habe ich einige Tipps zur Haltung und Zucht, die auf diesen Erfahrungen beruhen, zusammengefasst und auf aktuellen Stand gebracht:

Behälter:
Für den Start einer Kultur haben sich am günstigsten kleine Behälter (ca. 500 - 1000 ml) erwiesen. Werden wenige Tiere in größeren Behältern gehalten, dauert es länger, bis eine dichte Population aufgebaut ist. Bei steigender Zahl kann/soll natürlich auch die Wassermenge erhöht oder der Ansatz geteilt werden. Ich halte mittlerweile T. californicus ganzjährig im Freien und benutze dafür verschiedenen Wannen und Becken einschließlich einer ausrangierten Kunststoffbadewanne, der früheren Artemiawanne

 

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Habe ich anfangs noch gemeint, es sei gerade bei kleineren Behältern vorteilhaft, die Aufsitzfläche zu vergrößern (z.B. mit einem Bio-Filterigel), so sehe ich darin nunmehr aus der Langzeiterfahrung heraus keinen wesentlichen Vorteil mehr. Wichtiger erscheint mir, das Gefäßvolumen sukzessive zu erhöhen oder bei einer hohen Populationsdichte einen Teil der Tiere zu entnehmen.  

Salinität:
Ich hielt die Tiere anfangs bei etwa 35 psu (35 g Salz pro Liter Wasser). Gegen Unter- oder Überschreitungen sind die T. californicus recht unempfindlich; die Grenzen habe ich nicht ausgetestet, sie sollen aber bei unter 10 bis sogar über 100 psu liegen (siehe unten stehende Links). Mittlerweile habe ich festgestellt, dass eine etwas höhere Salinität (etwa 40 psu) die Vermehrung offensichtlich fördert, insbesondere dann, wenn sie durch allmähliche Verdunstung entsteht.

Temperatur:
Die Tiggerpods leben bei mir innerhalb des Hauses bei Zimmertemperatur, die jedoch ganz unterschiedlich ausfällt (25° C über dem Heizkörper, etwa 15° C am Fensterbrett). Im Freiland (bzw. im unbeheizten Gewächshaus) hat sich gezeigt, dass Temperaturen von unter 5° C bis über 30° C auch von erwachsenen Tieren schadlos überstanden werden; kühle Temperaturen sagen ihnen aber mehr zu. Jenseits der 35° C wird es auch kritisch. Ich habe noch nie einen Ansatz wegen zu geringer Temperatur verloren, durchaus aber wegen zu hoher! Ab einer gewissen Mindesttemperatur setzt die Vermehrung auch bei stark schwankenden Temperaturen ein. In meinen Freilandgefäßen gefriert das Wasser im Winter (nicht selten  - 20° C) regelmäßig durch bis auf einen sehr salzhaltigen Rest. Dennoch tauchen im Frühjahr bei etwa 4° C Wassertemperatur wieder T. californicus auf und vermehren sich in Massen (siehe auch hier).

Belüftung:
Ich belüfte die meisten Behälter nicht. Ausnahme: Kulturen mit Wassertemperaturen über 30° C (z.B. im Gewächshaus) belüfte ich mit einzelnen Blasen aus einem Luftschlauch (kein Ausströmer). Ansonsten habe ich im Laufe der Jahre festgestellt, dass eine Belüftung zumal dann, wenn sie in kleinen Gefäßen erfolgt, die Vermehrung eher bremst als fördert.

Fütterung:
Die T. californicus fressen nach Literaturangabe hauptsächlich Phytoplankton wie Diatomeen, aber auch Bakterien (McGroarty 1958). Meine Haltungsversuche begonnen habe ich habe ich mit einer Mischung aus Phytoplankton und Flockenfutter. Viele versuchen es allein mit  grünem Phytoplankton (meist Nannochloropsis). Eine rentable Vermehrung tritt dabei aber meist erst dann ein, wenn das Plankton zusammenbricht und abstirbt. Vermutlich profitieren die Copepoden dann von dem Bakterienreichtum.

Wenn schon Algen, dann scheint T. californicus „braune Algen" (Kieselalgen, Flagellaten) eindeutig zu bevorzugen. Da diese nicht leicht zu züchten sind, verwende ich (nicht nur für die Tiggerpods) Instant-Algen z. B. von Reed-Mariculture/Reefnutrition. Die Algen sind hochkonzentriert, so dass ich jeweils einige Tropfen davon in Wasser löse und von der Lösung wiederum nur einige wenige Tropfen täglich pro Behälter verfüttere. Das hat den Vorteil, dass das Stammkonzentrat verschlossen im Kühlschrank stehen bleiben kann und die Lösung aufgrund des hohen Süßwasseranteils lange an der Oberfläche bleibt. Durch die hohe Ergiebigkeit relativiert sich auch der doch recht stolze Preis für die Produkte, die allerdings von begrenzter Haltbarkeit sind. Um ein breites Nahrungsspektrum anzubieten, verwende ich bevorzugt Algenmischungen wie Phyto Feast, Phyto Feast live oder Shellfish Diet.

Aber auch diese Form der Ernährung ist nicht optimal und und mittlerweile eher nur noch ein Zusatz, so dass ich Algenmischungen nur noch gelegentlich einsetze. T. californicus hat sich als „Allesfresser“ herausgestellt, der für eine hohe Vermehrungsrate auch proteinreiche Nahrung benötigt. Dementsprechend füttere ich in meinen Wannen mittlerweile alles, „was gerade da ist und weg muss“: Flocken- und Staubfutter, Pellets, Frostfutter (v.a. einzelne Mysis und Krill), aber auch Spirulina, Hefe, Selco parkle und auch Artemia-Nauplien (getrockent oder frisch geschlüpft). Einen Teil der Futtermittel verwerten die Copepoden unmittelbar. Das sieht man z.B. daran, dass sie sich um ein Pellet scharen und dieses so heftig bearbeiten, dass es über den Behälterboden rollt. Bei anderen Stoffen kann man die Art der Verwertung nicht so deutlich feststellen. Ich gehe davon aus, dass einige Futtermittel nicht direkt aufgenommen werden, sondern die Copepoden sich an den Zersetzungsprodukten und beteiligten Bakterien gütlich tun. Natürlich füttere ich das alles abwechselnd und in geringen Mengen. Meist sind es nur einzelne Pellets oder Reste aus Futterzubereitungen für andere Kulturen (Artemien, Moina, Brachionus). Zur Fütterungsmenge kann man aber kaum absolute Angaben machen, weil es natürlich auf die Größe des Behälters und die Zahl der Copepoden ankommt. Oft erhalten Kulturen auch über längere Zeit kein Futter von außen. In Flaschen auf der Fensterbank habe ich schon monatelang T. californicus gehalten ohne zuzufüttern. Trotzdem können sie sich auch dort vermehren.

 

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Entnahme und Wasserpflege:
Die Entnahme von Copepoden (zur Verfütterung oder Weiterzucht) sollte nicht zu früh erfolgen. Je dichter der Ansatz, desto rascher die Vermehrung. Allerdings stagniert die Vermehrung, wenn die höchste Populationsdichte erreicht ist. Dann ist die Entnahme eines Teils der Tiere zur weiteren Vermehrung erforderlich! Bei der Wasserpflege ist übertriebene Sauberkeit eher schädlich! Insbesondere ist ein gewisser Bodensatz (Mulm) für die Entwicklung der Nauplien sehr günstig und wichtig. Wenn allerdings das Wasser nach einiger Zeit etwa durch Algenfütterung braun gefärbt und doch erheblich schadstoffbelastet ist, sollte ein Teilwasserwechsel erfolgen, um die Vermehrung wieder anzukurbeln. Ich habe mir angewöhnt, dabei auch einen Teil des Mulms mit abzusaugen. Nicht wegschütten! Darin sind Copepoden und vor allem eine Menge Nauplien enthalten. Ich gebe den abgesaugten Teil in ein Gefäß und fülle - wie auch das bisherige Gefäß - mit frischem, aber einige Tage abgestandenen Meerwasser auf.

Mischkultur:
Absichtlich habe ich die T. californicus zusammen mit Salzwasser-Moina, ausgewachsenen Artemien und anderen Copepoden gehalten. Das alles geht, aber auf Dauer eher schlecht als recht (siehe aber unter „Probleme“!). Unfreiwillig ergab sich eine Mischkultur mit Brachionus plicatilis, die sich früher oder später in den Kulturen breit machen. Das stört nicht allzu sehr, wenn nur wenige Rädertierchen und genügend Nahrung für alle vorhanden sind. Eine Massenvermehrung der Rädertierchen bremst aber durchaus die Vermehrung der Copepoden. Dann kann man aussieben (wobei leider viele Nauplien auf der Strecke bleiben können). Oder man reduziert die Phyto-Fütterung und gibt eine Zeit lang nur Flocken, Pellets, Krill. Das unterdrückt die Brachionus, wenn auch nur vorübergehend. Da die T. californicus recht hohe Salzgehalte vertragen, kann man die Vermehrung der Brachionus auch bremsen, indem man die Salinität erhöht. Ich isoliere übrigens in einer Petrischale immer wieder einmal ein eiertragendes Weibchen der Copepoden, um auch noch eine Reinkultur zu erhalten. Es ist erstaunlich, wie viele Copepoden in so einer kleinen Schale heranwachsen können.

Probleme:
Gelegentlich stockt die Vermehrung in einem Gefäß und es dauert einige Tage bis Wochen, bis es wieder flott vorwärts geht. Das kann m. E. mit dem „Generationenwechsel" zusammenhängen, da es einige Zeit dauert, bis frisch geschlüpfte Copepoden geschlechtsreif werden. Auch deshalb meine Empfehlung, stets mehrere Ansätze parallel laufen zu lassen. Als weitere Ursache kommen drastisch verschlechterte Wasserwerte in Betracht. Dann ist ein Teilwasserwechsel angebracht.

In einigen Behältern halte ich die Tiggerpods mit gröberen und recht langen Fadenalgen oder auch Darmtang (Enteromorpha sp.). Hier vermehren sie sich ausgezeichnet. Es gibt aber Hinweise darauf, dass das Einbringen von Algen (etwa Halymenia oder Cheatomorpha) für die Copepoden ungünstig bis schädlich sein kann.

Und das eigentliche Problem: T. californicus hat bei mir ein Invasionspotential entwickelt, das den Brachionus in keiner Weise nachsteht! Ich betreibe eine Vielzahl von Planktonkulturen in und außerhalb des Hauses und es gelingt mir so gut wie nicht mehr, sie dauerhaft tiggerpodfrei zu halten! War ich 2007 noch stolz auf den Zuchterfolg, betrachte ich die Tiggerpods jetzt manchmal schon als richtige Plage. Vor allem haben die T. californicus meine Artemiawanne okkupiert. Die Koexistenz funktioniert nur mit halbwüchsigen oder ausgewachsenen Artemien. Ab einer gewissen Populationsdichte an Copepoden kommen keine Artemia-Nauplien mehr durch. Auch der Versuch, durch tägliche Zugabe großer Nauplienmengen wenigsten einen Teil der Artemien aufziehen zu können, ist schon mehrfach kläglich gescheitert. Bereits wenige Stunden nach der Zugabe sind keine lebenden Nauplien mehr zu sehen. In einem Becken mit etwa 200 l Wasser, in dem im Frühjahr 2012 wieder Copepoden erschienen, habe ich versucht, mit dem Planktonsammler im Dauerbetrieb die Population gering zu halten und wieder Artemien zu etablieren. Ich habe Unmengen an Copepoden entfernt und verfüttert oder verschenkt. Dennoch konnte ich die Population nicht merklich schwächen und es kam keine einzige Artemia durch. Erst eine vollständige Entleerung des Beckens mit anschließender Wässerung mit Süßwasser, Trockenlegung und Befüllung mit frischem Meerwasser brachte die Lösung. Binnen weniger Tage wuchsen Tausende Artemien heran. Allerdings habe ich nach einigen Wochen bereits wieder die ersten T. californicus darin herumhüpfen sehen....

Ähnliche Problem habe ich in der Mischkultur mit Moina. Wenn überhaupt, dann wachsen deutlich weniger Moinas auf als in Gefäßen ohne Tiggerpods. Erstaunlicherweise haben die Brachionus das Problem nicht. Sie vermehren sich auch in dichten Tiggerpod-Beständen munter weiter. Meine ursprüngliche Idee, Phytoplankton-Kulturen mit Hilfe von T. californicus von Brachionus zu befreien, musste ich daher begraben.

Aus dem Voranstehenden ergibt sich auch, dass T. californicus nur eingeschränkt in der Aufzucht mariner Tiere verwendet werden kann. Zarte Larven können Opfer ausgewachsener T. californicus werden, das gilt für Garnelen- und Fischlarven gleichermaßen! Nur bei robusten (wie z.B. Palaemon elegans) oder schon weiter entwickelten Larven kann man  auch erwachsene T. californicus hinzusetzen. Ausgesiebte Copepoden-Naulien sind hingegen ungefährlich (können aber rasch heranwachsen!). Allerdings halten sie sich meist im Mulm am Bodengrund auf, so dass sie für viele Jungtiere nur schlecht erreichbar sind.

Fazit:
Tigriopus californicus ist auch mit aquaristischen Mitteln und sehr geringem Aufwand in großen Mengen zu züchten. Durch die hohe Temperatur- und Salinitätstoleranz bietet die Art viele Möglichkeiten sowohl hinsichtlich der Zucht als auch hinsichtlich der Verwendung; für die Nachzucht mariner Tiere ist sie aber nur bedingt geeignet. Die Gefahr, dass eine Kultur „abstürzt", ist sehr gering. Viel größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass T. californicus in andere Kulturen eingeschleppt wird und sich dort breit macht. Die Tiere können problemlos transportiert, mehrtägig versandt und im Kühlschrank lange Zeit aufbewahrt werden. Insgesamt ist die Art für die Meeresaquaristik sehr interessant. Geradezu ideal sind T. californicus für die natürliche Ernährung von Leierfischen und Seenadeln, aber auch kleinen Grundel (z.B. Eviota sp. und Trimma sp.). Sie haben neben anderen Vorzügen den großen Vorteil, dass man sie in großen Mengen ins Becken geben kann und dort lange Zeit zur Verfügung stehen. Insbesondere werden sie – obwohl sie viel schwimmen – nicht so leicht wie Artemien in Filter und Pumpen gezogen bzw. überleben dies. Wer allerdings hofft, damit seinen dauerhaften Copepodenbestand im Becken aufzubessern, den muss ich enttäuschen: T. californicus vermehrt sich nicht in Riffbecken und verschwindet binnen weniger Tage.

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Es wäre schön, wenn andere Halter von T. californicus ihre Erkenntnisse und Erfahrungen ebenfalls mitteilen würden.

 

(c) Text und Bilder Wolfgang S.

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Links:
Tiggerpods (Essay)

Tiggerpods (Reedmariculture)
Reed Mariculture
Habitat
Reefnutrition.de

 

   
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